morgens beim Aufstehen2

Neulich beim Aufstehen

Der hochsensible Tagesbeginn

Hochsensible Menschen leben mit hochsensiblen Tieren zusammen. Scheint mir. Meine gewöhnliche Aufstehzeit ist sechs Uhr. Wenn ich um fünf nach sechs noch nicht aufgestandenen bin, steht der Kater in der Tür und meckert. Aber richtig. Als Hochsensible muss ich entscheiden, ob ich das Gemecker nervenzehrend finde oder zuckersüß. Ich entscheide mal so, mal so. Allerdings: Als Hochsensible habe ich ohnehin keinen großen Spielraum, was die Aufstehzeit angeht. Ab einer Stunde Verschiebung ist mein Kreislauf für den Rest des Tages im Keller. Der Kater hat also von der Sache her Recht.


Ich versorge den Kater und seine Schwester – Wasser, Futter, Kämmen, Leckerchen, Katzenklo, Spielen und Kuscheln. Wie ich darauf komme, dass hochsensible Menschen hochsensible Haustiere haben? Der Kater bekommt zum Kämmen drei Leckerchen auf jede Seite gelegt. Das ist der Deal. Dafür lässt er sich geduldig kämmen. Drei Leckerchen. Wenn ich vier hinlege, lässt er eins liegen. Die Katze dagegen tut so, als würde sie bei lebendigem Leib gerupft, wenn ich sie kämmen will, dabei streicht der Kamm nur samtzart durch ihr Fell, weil sie so empfindlich ist. Tut nichts, sie miaut und guckt böse und nimmt schnellstens Reißaus, um das Kämmen möglichst zu verhindern und ahnt mit hochsensiblem Gespür, wenn ich die Absicht, sie zu kämmen, auf eine andere Tageszeit verlege. Und mit Leckerchen soll ich bloß weg bleiben. Die rührt sie nicht an.

Verdammt. Das bringt mein Gemüt in Hektik.

Danach Kleidung aus dem Kleiderschrank wählen. Aus der Kindheit kenne ich den Rat: Man legt sich die Kleider abends zurecht, dann hat man es morgens nicht so eilig. Blödsinn. Die abends zurecht gelegten Kleider entsprachen der Stimmungslage am Abend. Am nächsten Morgen liegt die Stimmung völlig anders, aber VÖLLIG anders, da passen die Kleider überhaupt nicht mehr zu. Arbeit also doppelt gemacht und keinerlei Zeitersparnis. Im Gegenteil. Die am Abend zurechtgelegten Kleider wogen mich in der trügerischen Sicherheit, am Morgen mehr Zeit zu haben, die jetzt gerade deshalb fehlt, weil ich wieder vor dem Kleiderschrank stehe und neu wählen muss. Verdammt. Das bringt das hochsensible Gemüt in Hektik, denn so schnell lässt sich jetzt nicht überdenken, welche Kleidung zur jetzigen Stimmungslage passt, die ohnehin gerade völlig künstlich entstanden ist wegen der Hektik. Schwarz.

Ich weiß, dass ich in Schwarz nicht gehen kann.
Schwarz sagt das über mich, was Schwarz eben sagt.

Mein Hund ist schwarz. Und extrem viele Menschen haben Angst vor schwarzen Hunden. Wirklich. Sie rufen panisch ihre kleinen Hunde zurück, laufen einen Bogen, fordern mich auf, meinen Hund kurz zu nehmen, weil sie Angst hätten.

Soviel zu Schwarz.

Und doch würde, wählte ich Schwarz, dieses Schwarz etwas über mich sagen, wie alles, was ich zu tragen wähle etwas über mich sagt. Letztlich auch der große schwarze Hund.

Mein erster Fahrlehrer – derer gab es im Plural, weil ich eine hochsensible Fahrerin war und alles mögliche gesehen und antizipiert habe und die Nerven meiner Fahrlehrer das nicht lange ausgehalten haben – verwickelte mich einmal in eine Diskussion über die Wunschfarbe meines potenziell eigenen Autos. Schwarz, sagte ich damals, und er sagte: „Schwaaa-haarz? Na, das sagt ja einiges über dich aus!“ Weiter sind wir nicht gekommen, weil ich antizipiert hatte, der LKW neben mir würde gleich ausscheren und das schwarze Fahrschul-Auto platt walzen.

Grundsätzlich aber stimme ich zu. Eine Katze zu haben, einen Kater, ein Geschwisterpaar aus Katze und Kater, einen Hund statt einer Katze oder einem Kater oder alles zusammen sagt jedes für sich etwas völlig anderes aus, erzählt eine ganz andere Geschichte von mir als eine andere Wahl es täte. Wir erzählen indem wir wählen.

Wir erschaffen wählend unser Leben.

Ob ich zum Frühstück Tee wähle oder Kaffee, eine Schreibe Brot im Hotel vom Buffett nehme oder mein eigenes Brötchen mitbringe und es heimlich oder auch demonstrativ auf den Teller lege, definiert nicht erst, wer ich bin, aber es erzählt von meiner Definition meines Selbst. Ob ich mein Vegetariersein zur politischen Aussage mache und jeden vorwurfsvoll anschaue, der zur Fleischwurst greift oder ob ich dezent und kommentarlos ganz einfach auf Wurst verzichte und den Käse vorziehe oder auch den nicht nehme, weil ich Veganerin bin, ist eine Wahl und eine Art von Erzählung über mich selbst.

Zurück zum Morgen.

Ich mache Yoga, meditiere. Während ich Yoga mache und meditiere, kommt der Kater ins Zimmer gerannt und sitzt schnurrend neben mir. Er wartet darauf, dass ich fertig bin, denn nach meiner Meditation mag er besonders gerne gestreichelt werden. Glaubt noch jemand, hochsensible Menschen hätten normalwahrnehmende Tiere? Der Kater wirft sich auf den Boden, kugelt sich und streckt sich unter meinen jetzt magischen Händen und sorgt für Beruhigung, einfach so, weil er ist. Er muss gar nichts tun.

Ich sehe aus wie der Frühling.

Nach der ausgleichenden Atmung und dem Streicheln des Katers geht es mir deutlich besser. Ich schlendere zurück an den Kleiderschrank – irgendwie ist auch Zeit zurückgekommen – und wähle…

Mein Mann sagt, ich sähe aus wie der Frühling. Ja, sage ich, dann ist es richtig, ich wollte der Frühling sein heute Morgen. Der ist nämlich auf dem Weg. Als Hochsensible spüre ich das. Vor allen anderen meldet sich bei mir meine Allergie. Es könnte Haselnuss sein. Oder Birke. Ich packe lieber einen Haufen Taschentücher ein und wähle: Stofftaschentücher statt Papier. Meine hochsensible Nase…

Schönen guten Morgen auch.

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4 Kommentare auf "Neulich beim Aufstehen"

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cornelia bauer
Gast
cornelia bauer
1 Jahr 6 Monate her

aufstehen ist auch bei mir ein schweres Thema, weil immer schwer in Gang komme und auch ziemlich oft einfach müde und auch schlecht gelaunt…….allerdings schlafe ich auch oft schlecht ein und auch oft auf, dann kann es sein daß ich stundenlang wachliege oder hoffentlich auch wieder einschlafe….je denfalls würd ich gerne mal wieder richtig gut schlafen, aufwachen und dann auch besser starten in den Tag……..vielleicht brauche ich eine Katze???????…oder was hilft sonst???

Susann
Mitglied
Susann
1 Jahr 6 Monate her

Hallo Cornelia, ja…..die Problematik des Ein- und Durchschlafens kenne ich leider auch zu gut!!
Wenn mich zu viele Dinge beschäftigen, oder ich zu viel ” erlebt ” habe, kann ich nicht abschalten.
Dabei ist es unabhängig davon, ob ich unter vielen Menschen war oder einen sehr emotionalen Bericht zB. bei Facebook gelesen habe.
Es beschäftigt mich zu sehr.

Susann
Mitglied
Susann
1 Jahr 6 Monate her

Ohhhh….wie sehr ich mich gerade erkenne !!!
Habe auch 2 Katzen und einen Hund !!
Und die Sache mit der Kleidung ….Dito….auf ganzer Strecke …lach

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